Sprachkurs mit Familie, an der Tafel die vier Aussprachen des portugiesischen o, die Eltern halten sich den Kopf

Ist Portugiesisch schwer zu lernen?

Nach zwei Wochen liest sich eine Speisekarte fast von selbst. Bacalhau, arroz, legumes, sobremesa — vieles davon lässt sich erraten, der Rest steht nach kurzer Zeit im Kopf. Nach zwei Monaten geht auch ein Zeitungsartikel in Umrissen.

Und dann steht man am Tresen, der Mann dahinter sagt einen Satz von vier Wörtern, und davon kommt nichts an. Nicht ein Wort.

Hinweis

Portugiesisch zu lesen ist für Deutschsprachige vergleichsweise leicht. Portugiesisch zu verstehen ist deutlich schwerer, als die verwandten Sprachen erwarten lassen. Der Grund liegt nicht in der Grammatik, sondern darin, dass gesprochenes europäisches Portugiesisch anders klingt, als es geschrieben steht.

Die kurze Antwort in Zahlen

Das Foreign Service Institute, die Sprachschule des US-Außenministeriums, führt Portugiesisch in seiner leichtesten Gruppe, zusammen mit Spanisch, Französisch, Italienisch und Rumänisch. Veranschlagt werden dort rund 600 bis 750 Unterrichtsstunden bis zu einem Niveau, auf dem man beruflich arbeiten kann.

Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die Einstufung gilt für englische Muttersprachler im Vollzeitunterricht mit Lehrkraft. Und sie misst die Sprache als Ganzes, nicht die einzelnen Fertigkeiten. Genau dort sitzt aber das Problem.

Was leicht fällt

Der Wortschatz ist voller Bekannter. Portugiesisch ist eine romanische Sprache, und wer Latein in der Schule hatte oder Französisch, Spanisch oder Italienisch kann, erkennt einen erheblichen Teil beim ersten Lesen. Hospital, animal, importante, necessário, problema — nichts davon muss gelernt werden.

Vieles lässt sich aus dem Englischen ableiten. Wer Englisch kann — und das können die meisten —, errät portugiesische Wörter oft schon beim ersten Hinsehen. Dahinter stehen Endungen, die sich regelmäßig entsprechen:

Englisch Portugiesisch Muster
solution solução -tion wird zu -ção
information informação dieselbe Regel
reflection reflexão -ction wird zu -ção oder -xão
university universidade -ty wird zu -dade
possible possível -ble wird zu -vel
exactly exatamente -ly wird zu -mente

Das Muster trägt weit. Wer es einmal erkannt hat, kann sich einen erheblichen Teil des Wortschatzes erschließen, ohne ihn je gelernt zu haben.

Mit einer romanischen Sprache im Gepäck geht es noch schneller. Französisch, Spanisch oder Italienisch verkürzen das Raten noch einmal deutlich, weil dort nicht nur die Endungen, sondern auch die Wortstämme passen.

Die Schrift hält keine Überraschungen bereit. Lateinisches Alphabet, ein paar Akzente, keine fremden Zeichen. Was dasteht, lässt sich vorlesen, sobald die Ausspracheregeln sitzen.

Die Grammatik ist berechenbar. Sie hat ihre Tücken: den Konjunktiv, die beiden Verben für „sein", den persönlichen Infinitiv, den es sonst kaum gibt. Nichts davon ist schwerer als das französische Pendant, und vieles ist regelmäßiger.

Was schwerfällt

Hier liegt der eigentliche Unterschied zu den Nachbarsprachen, und er betrifft ausschließlich das Ohr.

Unbetonte Vokale verschwinden

Im europäischen Portugiesisch werden Vokale ohne Betonung stark zusammengezogen. Das unbetonte e wird dabei oft so schwach, dass es im Sprechfluss praktisch verschwindet.

Aus de nada wird dadurch etwas, das eher nach dnada klingt.

Ein Wort, das als Schriftbild gelernt wurde, taucht im Gespräch also in einer Gestalt auf, die erst wiedererkannt werden muss. Genau das ist der Punkt, an dem die meisten hängen bleiben.

Das S am Silbenende zischt

Am Ende einer Silbe oder eines Wortes wird das s in Portugal zu einem Sch-Laut. Lisboa klingt nach Lischboa, ein Plural wie as casas nach asch casasch.

Dieser Laut ist der Grund, warum Portugiesisch für viele beim ersten Hören nach einer slawischen Sprache klingt und nicht nach einer romanischen.

Der Rhythmus drängt

Europäisches Portugiesisch zieht die Silben zwischen den betonten Stellen zusammen. Spanisch und Italienisch geben jeder Silbe ungefähr gleich viel Raum, wodurch die Wortgrenzen hörbar bleiben. Im Portugiesischen verwischen sie.

Ein kurzer Satz zeigt beides zusammen. Einmal im normalen Tempo, einmal gedrosselt:

Desculpe, não percebi. Entschuldigung, ich habe nicht verstanden.

normal langsam

In der langsamen Fassung sind alle vier Wörter zu erkennen. In der normalen klingen sie nach zweien. Wer den Satz nur gelesen hat, findet ihn beim Hören nicht wieder — und das ist die ganze Schwierigkeit in einem Beispiel.

Dazu kommen die Dialekte

Was bisher steht, gilt für das Standardportugiesische. Auf dem Land wird zusätzlich genuschelt, und zwar erheblich. Manche Gegenden haben eigene Wörter, die zwanzig Kilometer weiter niemand benutzt.

Das ist keine portugiesische Eigenheit. Ein Sachse oder ein Schwabe macht es einem Deutschlernenden genauso schwer — nur rechnet damit vorher jeder. Beim Portugiesischen überrascht es, weil man gerade erst glaubt, das Hören im Griff zu haben.

Warum brasilianisches Portugiesisch leichter klingt

Fast alle Lernenden empfinden die brasilianische Variante als verständlicher. Das bildet sich niemand ein.

Brasilianisches Portugiesisch spricht unbetonte Vokale deutlicher aus und gibt den Silben mehr Raum. Wortgrenzen bleiben dadurch hörbar, und wer ein Wort gelernt hat, erkennt es im Gespräch eher wieder. Dazu kommt ein Laut, den es in Portugal nicht gibt: Brasilianisches di und ti klingen nach dschi und tschi, aus dia wird also dschia.

Daraus folgt allerdings nichts für die Wahl. Wer in Portugal verstanden werden will, muss die portugiesische Variante hören, auch wenn die andere angenehmer ins Ohr geht. Der Umstieg später ist mühsamer als der schwierigere Anfang.

Schwerer als Spanisch?

Beim Lesen kaum, beim Hören deutlich.

Die beiden Sprachen liegen im Schriftbild sehr nah beieinander. Wer Spanisch kann, versteht portugiesische Texte oft schon beim ersten Lesen in Umrissen, steht im Gespräch aber trotzdem ratlos daneben, weil dieselbe Vokalreduktion die Wörter unkenntlich macht, sobald sie gesprochen werden.

Ein Nebeneffekt, den man in Grenznähe beobachten kann: Portugiesischsprecher verstehen gesprochenes Spanisch meist besser als umgekehrt. Die klaren spanischen Vokale sind leichter zu greifen als die portugiesischen, die halb verschluckt werden.

Für Spanischkundige heißt das: Der Wortschatz ist ein echter Vorsprung, die Aussprache ist es nicht. Manche empfinden das vorhandene Spanisch beim Sprechen sogar als hinderlich, weil sich die Wörter ähneln und trotzdem anders klingen.

In Spanien selbst hilft es trotzdem. Spanier sprechen schnell, und die Bitte um langsamere Wiederholung ändert daran wenig — es kommt dann eben dasselbe Tempo mit mehr Nachdruck. Wer aber in eine spanische Apotheke oder ein Restaurant geht und Spanisch und Portugiesisch mischt, kommt damit erstaunlich weit. Verstanden wird man, auch wenn kein Satz sauber in einer der beiden Sprachen steht.

Besonders schwer für Deutsche?

Eine belastbare Einstufung für deutsche Muttersprachler gibt es nicht — die verbreiteten Zahlen stammen alle aus englischsprachigen Quellen. Ein paar Dinge lassen sich trotzdem sagen.

Der Sch-Laut am Silbenende ist für deutsche Ohren kein Problem, den gibt es hier auch. Die nasalen Vokale in não, mãe oder bem dagegen haben im Deutschen keine Entsprechung und brauchen Übung. Und das gerollte r am Wortanfang liegt näher am französischen Rachen-R als am italienischen Zungen-R.

Unterm Strich: keine besondere Härte, aber auch kein Vorteil.

Was daraus für den Lernweg folgt

Wenn das Hören die Hürde ist, muss das Hören von Anfang an dabei sein. Das klingt selbstverständlich, wird aber selten so gemacht. Die meisten fangen mit Vokabellisten an und schieben das Hören auf, bis „genug Wortschatz" da ist.

Drei Dinge helfen dagegen:

Kein Wort ohne Ton. Jede neue Vokabel wenigstens einmal gesprochen hören, besser mehrfach und in unterschiedlichem Tempo. Wörter, die nur gelesen wurden, werden im Gespräch nicht wiedererkannt.

Portugiesisches Radio nebenbei laufen lassen. Auch ohne zu verstehen. Das Ohr gewöhnt sich an den Rhythmus, bevor der Kopf die Wörter kennt.

Ganze Wendungen statt Einzelwörter. Queria um café, se faz favor am Stück gelernt ist im Gespräch mehr wert als fünf einzelne Vokabeln, weil genau so gesprochen wird.

Wer so anfängt, hat die Hürde nicht umgangen, aber verkürzt. Sie liegt bei den ersten paar hundert Stunden — danach wird es spürbar leichter.

Und wie lange dauert das nun?

Das hängt vom Ziel ab. Sich durchfragen und Grundhöflichkeit beherrschen ist eine Sache von Wochen. Ein Gespräch führen, dem man auch folgen kann, dauert Monate. Flüssig zu sprechen dauert Jahre — bei jeder Sprache.

Ausführlicher steht das unter Portugiesisch lernen, zusammen mit den verschiedenen Wegen dorthin.

Der ehrliche Schluss

Portugiesisch ist nicht schwer im Sinne von kompliziert. Es ist schwer im Sinne von ungewohnt — und zwar an genau einer Stelle, dem Ohr.

Wer das vorher weiß, ist im Vorteil. Die anderen geben nach drei Monaten frustriert auf, weil sie die Speisekarte lesen können und den Kellner nicht verstehen. Das ist kein Zeichen von Untalent, sondern der normale Verlauf.

Anfangen lässt sich mit den Wörtern, die am ersten Tag vorkommen. Jedes davon gibt es hier zum Anhören:

Hinweis

Zu den Hörbeispielen: Die Aussprache stammt aus einer Sprachsynthese in der Variante pt-PT, es spricht keine reale Person. Für Betonung und Klang taugt sie als Orientierung. Wer es ganz genau wissen will, hört zusätzlich einem Menschen zu.

Tanja Moosmann

Geschrieben von Tanja Moosmann

Lebt seit Jahren in Portugal, hat die Sprache im Alltag gelernt und nicht im Kurs — mit allen Umwegen, die dazugehören. Schreibt hier auf, was sie dabei herausgefunden hat.

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